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Die Flutwelle von 1601 im Vierwaldstättersee

 

Im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe in Südasien war in den Medien auch die Rede von der Flutwelle, welche 1601 die Uferregionen des Vierwaldstättersees verwüstete. Der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat war Augenzeuge des Naturereignisses. Das Original seines Berichts befindet sich unter der Signatur Ms.99.fol. in der Obhut der sondersammlung h&ad_ der ZHB Luzern.

 

Renward Cysat (1545-1614) berichtet:

 

" ... den 18 tag Septembris des 1601ten jars erhobe sich nach mittnacht wenig vor 2 uhren ein starcker und fürwahr erschrockenlicher erdbidem [Erdbeben] allhier by uns zu Lucern, derglychen sich niemands verdencken [erinnern] mögen... Diser war ouch umbso vil erschrockenlicher und forchtsamer von wegen der wunderbarlichen bewegung und verändrung des sees und der Rüss us jrem rechten ziel, davon die menschen sich meer entsetzt dann ab dem erdbidem selbs, wie jchs empfunden und selbs gesehen. Allso wil jchs ouch warhafft hieby setzen zu einer eewigen gedächtnuss mir und andern zu einer christlichen und buossfertigen erinnerung" (Bl. 468v).

 

Cysat erlebte das Erdbeben im Pfarrhof von Arth, wo er die Nacht zubrachte. Am folgenden Morgen kehrte zu Pferd über Küssnacht nach Luzern zurück.

 

"Da wir nun gen Küssnacht an unsern Lucernersee kommen, haben wir eben die vorigen wortzeichen, wie jn dem andern see [im Zugersee], von schiffen, saghölzern, laden, gerör und andrem gewärb nit allein jm fryen see schwebend, sonder ouch usgeworffen am gestad, by 50 guter schritten wyt hindersich von dem ordentlichen ufer dannen und jn die höhe by zweyen hallenparthen [Hellebarden] hoch oder meer obsich geschlagen befunden und gesehen. Item die schiff, so an den ländinen allenthalben am gantzen see harumb mit kettinen angebunden [waren], nach zerissnen kettinen hin und wider gestossen, ouch dieselben gar wytt uf das land haruss geworfen" (Bl.469r).

 

In der Stadt, so wird ihm erzählt, versammelten sich die Menschen schreckerfüllt am Ufer der Reuss:

 

"Da habe man gesehen das wasser jetzt gar ab und hindersich [zurück] und dann bald mit ungestümigkeit wieder daher kommen zu underschydlichen malen und jnsonderheit wie der gantz gross wasserfluss die Rüss obsich [aufwärts] jn den see übernatürlich zum 6ten mal jn einer stund uf und ab geloffen, wie er sonst natürlicherwys us demselben nidt sich hinab gegen nidergang sinsn fluss ghept; Darnach über ein wyl käme der widerfluss des wassers und erfüllte widerumb den furt. Darzwüschen aber hätte sich das wasser zwüschen beiden städten [der Gross- und der Kleinstadt] so gar verloren, dass man schier trochens fusses von dem büchsenhus [Zeughaus] zu den mülinen [Mühlen] herüber hette gan mögen, wie es dann ettliche junge lüt zur gedächtnus söllent gethan haben" (Bl.469v).

 

In der Stadt Luzern, so scheint es, gab es keine Opfer. Anders in Nidwalden.

 

"Es hatt ouch der see an keinem ort grusamlicher gewüettet dann eben uf demselben golff oder triechter zwüschen Beggenriet, Buochs und den Bürgenberg. So hat es an dem geländ oder gstad des sees zwüschen disen beiden dörfern an einem ort einen spalt uffgeworffen, ein wybsperson ergriffen und versenckt jn angesicht andrer, die jro gern geholffen aber nit gemögen; ouch der flut des wassers ettliche hüser und gäden vom land dannen geschränzt, sampt den menschen, so noch an jrer ruh gelegen und jn den wytten see haruss gefüert; und solle man der personen 8 jung und alt, ja das das kläglichest, kinder an der mutter armen vom wasser erstickt gefunden haben" (Bl.464v).

 

Cysats Bericht über die Flutwelle von 1601 ist in seiner Ausführlichkeit wie auch in der Anschaulichkeit einzigartig. Er wurde hier stark gekürzt und sprachlich etwas dem modernen Sprachgebrauch angepasst. Der vollständige Bericht ist abgedruckt in: Renward Cysat, Collectanea pro chronica Lucernensi et Helvetiae, Bd. 1.2, S. 882-887 (genaue Informationen im IDS LU). Weiterführende Informationen auch auf der Web-Seite des Staatsarchivs Luzern.

 

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Renward Cysat:

Collectanea Chronica und denkwürdiger Sachen pro Chronica Lucernensis

 

(Signatur BB Ms.99.fol.)

Bl.464v

 

"Es hatt ouch der see an keinem ort grusamlicher gewüettet ..."

 

Bl.464v, Ausschnitt

 

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